Dieter's Klaviergeschichten
Datenarchiv des Klavierbaus

Neumeyer, Fritz
Pianofabrik, gegr. 1860

"Fritz Neumeyer gründet die Firma 1860, er verlegt sie 1861 nach Berlin (der Katalog der Ausstellung Wien 1873 gibt dagegen 1862 als Gründungsjahr an). Sie ist hier mit Handlung bis 1896 in Britzer Straße 7 und wird dann nach SO 36, Elsenstraße 37-88 (85-88) verlegt, zugleich wird in W, Potsdamer Straße 126, eine Pianohandlung eröffnet, die aber 1906 schon nicht mehr besteht". (H. Henkel)

Zur Weltausstellung 1888 in Melbourne stellte F. Neumeyer "3 Pianinos" aus. Zwei Jahre später wurde das 15.000, bereits 1894 das 20.000 Instrument hergestellt. Auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 stellte die Firma "1 Flügel, 5 Pianinos" aus. Auf der Musikausstellung im Berliner Messpalast 1898, in dem "officiellen" Kataloge, wurde F. Neumeyer mit 1 Flügel, 3 Pianinos aufgeführt.

Wenn Klavierbauer sich treffen und nach dem offiziellen Teil zur Gemütlichkeit übergehen, werden in der Regel auch ein/zwei/mehrere Bierchen getrunken, klar. Es kommt auf die Teilnehmerzahl an, vielleicht wird ein ganzer Kasten Bier getrunken, oder gar ein Faß. Bei der Firma F. Neumeyer aber wurde die Getränkemenge in einer besonderen Maßeinheit veröffentlicht. Denn, Mitte des Jahres 1898 wurde das 25.000 Instrument gefertigt. Dazu lesen wir: "Die Arbeiter hatten das betreffende Pianino, ein reich geschnitztes Exemplar mit italienischen Nussbaume und im Renaissance-Style, auf einem Podium in dem Saale für fertige Instrumente aufgestellt und sich dort versammelt. Bei seinem Eintreten wurde Herr Neumeyer durch verschiedene Ansprachen [...] begrüßt, worauf dieser seinen Dank aussprach und darauf hinwies, daß es ihm nur durch das Zusammenarbeiten mit so tüchtigen Arbeitskräften möglich gewesen sei, ein Fabrikat herzustellen, das wohl den entsprechenden Beifall gefunden haben müsse, um Absatz für die hohe Zahl von 25.000 zu erzielen. Ein Hoch auf den ferneren guten Fortgang der Fabrik folgte seinen Worten. Ein vom Chef gespendeter Festtrunk, bestehend in mehreren Tonnen Gerstensaftes, beschloß dessen vorläufig festlichen Akt, während die eigentliche Feier später stattfinden wird".

Und tatsächlich, was der Chef versprach, das hielt er. So ist in dem nicht ganz kurzem Bericht zu lesen: "Zur Feier dieses schönen Erfolges, der nur einer rührigen Thätigkeit entspießen kann, hatte Herr Neumeyer seine Angestellten und Arbeiter nebst Familien zum Abendtisch und Ball in einem größeren Garten-Restaurant gegenüber dem Treptower Park eingeladen; dieser Einladung waren nahezu sechshundert Personen gefolgt. [...] Herr Donath feierte alsdann in schwungvoller Rede die Erfolge der Fabrik und wies darauf hin, dass dieselbe aus kleinem Anfang heute eine Fabrik ersten Ranges geworden sei, deren Erzeugnisse man in allen civilisirten Ländern finden könne". Nach einem Fackelzug der Kinder, einer Verlosung wurde im Saale getanzt und "launige Vorträge" gebracht. "Um 1 Uhr" - sie wurden einfach nicht müde - "begann die Kaffeepause, die im Garten abgehalten werden konnte. Die großen Kuchenvorräthe mundeten vorzüglich nach den Anstrengungen des Tanzes. - Nach der Kaffeepause ging es wieder in den Saal und es wurde bis zum hellen Tage getanzt. [...] Somit wird diese Feier jederzeit allen Theilnehmern in bester Erinnerung bleiben".

Hatte Herr Donath auf der Feier zuviel zu Gutes über die Firma und ihre Instrumente gesagt? Die Prämierungen auf der Musikausstellung 1898 im Berliner Meßpalaste brachten folgendes Ergebnis: Als erstes wurde die "Goldene Medaille" mit dem Vorschlage zur Staatsmedaille verliehen, unter anderen an Carl Scheel, Kassel. Als zweites die "Goldene Medaille", unter anderen an Th. Steinweg Nachf., Braunschweig. An dritter Stelle kam dann "Die silberne Medaille", mit der auch F. Neumeyer, Berlin, ausgezeichnet wurde.

Von 1900 bis 1906 ist die Firma auf der: Elsenstr. 86/88 u. Güterbahnhof Rixdorf nachweisbar. Eine Pianohandlung befand sich auf der Potsdamer Str. 126.
Die neue Preisliste von 1902 "ist ein typographisch sauber ausgestattetes Heft, das auf 40 Seiten nicht weniger als 34 Pianino-Modelle in den verschiedensten Stylarten, Größen und Ausführungen, sowie 3 Flügel-Modelle in sehr gut ausgeführten Autotypien bildlich wiedergiebt". 1903 wurde Fritz Neumeyer zum Hoflieferanten ernannt durch "Sr. Durchlaucht dem Fürsten von Waldeck und Pyrmont".

Fritz Neumeyer starb am 1. August 1905 im Alter von 68 Jahren in Warnemünde nach langem Leiden. Einen, seinen Lebensweg besonders würdigender Nachruf findet sich nicht in der Fachzeitschrift: 1837 wurde F. Neumeyer im Fürstentum Waldeck geboren, erlernte den Klavierbau in Arolsen, "arbeitete dann in Stuttgart, London und Kassel und machte sich 1860 in Stettin selbständig. Von hier verlegte er seine Fabrik nach Berlin und steigerte hier den Betrieb im Laufe der Jahre zu einem der umfangreichsten der Klavierindustrie, wozu noch ein Filialgeschäft in London kam, wie überhaupt der englische Markt ein Hauptabnehmer seiner Fabrikate war. Die von ihm in der Elsenstraße neu erbaute Fabrik galt in ihrer Einrichtung als mustergültig. Der Betrieb scheint sich freilich wenig lukrativ gestaltet zu haben, und in Fachkreisen erregten die Klavierverkäufe der Firma wiederholt unliebsames Aufsehen. Das Liefern von Instrumenten in Kommission überallhin, das wiederholte Auftauchen Neumeyerscher Fabrikate bei Klavierauktionen gab zu mancherlei Gerüchten Anlaß, die jetzt nach dem Tode Neumeyers ihre Bestätigung gefunden haben. Das Geschäft befindet sich, wie es sich nunmehr herausstellt, in großen finanziellen Schwierigkeiten, und nachdem ein von der Firma nachgesuchtes Moratorium nicht zustande gekommen ist, dürfte der vom Gläubigerausschusse gestellte Antrag auf Eröffnung des Konkurses wohl zur Durchführung kommen.

"Um den 1. Juli 1905 erlischt die Prokura des Sohnes Max Neumeyer, er eröffnet eine eigene Firma. Nach dem Tod von Fritz Neumeyer wird am 18. Aug. 1905 das Konkursverfahren über seinen Nachlaß eröffnet, die gut eingerichtete, 5 Etagen hohe Fabrik wird als Ganzes zum Verkauf ausgeschrieben und von der Lexow GmbH gekauft, die hier ab 1.Okt. 1906 ihre Mechanikenproduktion erweitert. Der Rest der Konkursmasse wird von der Firma A. Nieber & Co. erworben. Das Verfahren wird nach Schlußtermin vom 5. März 1908 aufgehoben, die Firma wird am 30. Nov. 1911 im Handelsregister gelöscht". (H. Henkel)